Von gelben Kürbissen und roten Punkten

 „Das Museum, das als ihr gebautes Alter Ego angesehen werden kann: Exzentrisch überragt der weißbläulich schimmernde Turm mit seinen fünf Stockwerken auf abgeplattetem Parabelgrundriss die meist nur dreigeschossigen Häuser seiner Umgebung der Tokyoter Schlafstadt Shinjuku-ku. Das Museum, ebenso eigenwillig wie seine Gründerin mit den meist grellrot gefärbten Haaren, zeigt durch unjapanisch große Fenstereinschnitte in allen Stockwerken bereits von außen offen und selbstbewusst wie ein Schaufenster an, dass es ausschließlich Kusamas Malereien, Skulpturen, Installationen sowie Videos ihrer inzwischen legendären Happenings präsentiert und die Künstlerin keinesfalls gewillt ist, in der japanischen Gesellschaft als Frau grau zu bleiben oder sich hintanzustellen.“

(Stefan Trinks, FAZ 22.03.2019)

 

Direkt gegenüber dem Gebäude liegt ihre „Wohnung“, die Nervenheilanstalt Tokio, in die sie sich 1977 selbst einwies; wegen Traumatisierung durch Elternhaus und Kriegszwangsarbeit und ihrer in Folge auftretenden extremen Angstzustände und Halluzinationen; darunter Angst vor phallischen Objekten, Sexualität, Essen. Ihre Kindheit und Jugend im Elternhaus war von Strenge und Autorität geprägt. Japan war zu dieser Zeit ein faschistoider Militärstaat.

 

1948 ging Kusama an die Kyoto School of Arts and Crafts. 1952 hat sie ihre erste Einzelausstellung in der Matsumoto Civic Hall, der Bürgerhalle ihrer Heimatstadt. Viele Bilder aus dieser Schaffensperiode wurden von der Künstlerin vernichtet, als sie 1955 nach New York ging.

 

1961 begann Kusama mehrdimensional zu arbeiten. Sie überzog Möbel und andere Haushaltsgegenstände lückenlos mit phallusartigen Stoffwülsten.  Eines der bekanntesten Werke ist die Couch Accumulation #1, die zusammen mit Werken von Andy Warhol 1962 in der Green Gallery ausgestellt wurde. 

Ab Mitte der 1960er setzte Kusama Fotografien ein, um ihre Arbeiten bekannt zu machen. Auf manchen Aufnahmen war sie nackt mit Punkten bemalt. Das war ein bewusster Schritt zum einen hin zu effektivem Selbstmarketing, zum anderen zu neuen Formen wie Happenings, Events und Performances.

 

1966 erlangte Kusama mit dem Happening Narcissus Garden internationale Bekanntheit. Nachdem Kusamas Arbeiten nicht für die Biennale in Venedig ausgewählt wurden, beschloss sie, ihre Installation Narcissus Garden, 1500 spiegelnde Kugeln, vor der Ausstellungshalle aufzubauen. Passanten konnten eine Kugel für 1200 Lire (heute ungefähr 210 Euro) erwerben. Ein Schild mit der Aufschrift „Your Narcisium For Sale“ verwies auf den Narzissmus, der Kunsterwerb und Besitz innewohnt. Bis die Veranstalter der Biennale Kusamas Aktion polizeilich beendeten, war sie bereits zur bekanntesten Künstlerin dieser Biennale geworden.

 

Kurz darauf begann Kusama mit Bodypainting Events, in denen sie, teils in der Öffentlichkeit, nackte Personen mit Punkten bemalte. Ebenso wie in ihren Halluzinationen sollen die Punkte Grenzen aufheben. Grenzen zwischen ihrer Kunst, den Menschen und ihrer Umgebung und Grenzen der Menschen untereinander. Das Self Obliteration Event, das 1967 an der Brooklyn Bridge stattfand, zählt zu ihren bekanntesten. Viele dieser Veranstaltungen wurden von der Polizei aufgelöst.

 

1993 vertrat Yayoi Kusama Japan auf der Biennale von Venedig, unter den gezeigten Werken befand sich auch „Mirror Room (Pumpkin)“ (1991). Erstmals war der japanische Pavillon einer Einzelpräsentation gewidmet, was Kusamas steigende Berühmtheit dokumentierte.

2017 wurde das Yayoi Kusama Museum in Tokio eröffnet.

Ich bin die moderne Alice im Wunderland. Yayoi Kusama

 #yayoikusama