Grande Dame mit Weitblick

‚The School of Life‘ (Globale Bildungseinrichtung) hat Ágnes Heller zu einer LIFE LESSON eingeladen, in der es um biographisches wie philosophisches gehen soll und der Veranstaltungsort, eine Kirche in Schöneberg ist gefüllt bis zur letzten Bank. Ein in der Mehrheit erstaunlich junges Publikum will wissen, wie Heller die weltpolitische Lage heute einschätzt, wie es ihr mit der Regierung in Ungarn ergeht, auf welche Personen und Ereignisse sie gerne zurückblickt, auf welche weniger. Eine 90jährige Philosophin bekommt man nicht alle Tage zu fassen.

 

Ich bin fasziniert von ihrer sprudelnd-quecksilbrigen Energie, der rasanten Geschwindigkeit ihrer Gedankengänge, dem Vermögen die eigene Biographie in einen historischen Kontext zu verorten ohne ihr das Leben zu nehmen, respektiere ihre Loyalität dem Mentor Georg Lukács gegenüber und bewundere ihre zärtliche Liebe dem Vater gegenüber.

 

Mit dem Vater hat alles begonnen. Ein Budapester Rechtsanwalt, der meinte, Agnes’ Platz sei nicht der Haushalt, lieber solle sie Philosophin oder Komponistin werden. Seine Begründung: “Weil es das Absurdeste für ein Mädchen ist, und ich möchte, dass Du das Absurdeste wirst.”

Agnes Heller ist eine der bedeutendsten Philosophinnen des 20. Jahrhunderts geworden.

 

„Als verfolgte Jüdin wurde sie nach 1945 überzeugte Zionistin, Marxistin und Kommunistin. Viele ihrer Familienmitglieder in Budapest, Wien und Brünn waren im KZ verschwunden. Ihr Vater kam in Auschwitz ums Leben. Die Pfeilkreuzler, eine nationalistische und antisemitische Gruppierung in Ungarn, waren mit Hilfe der deutschen Besatzung 1944 zu politischer Macht gelangt und übten einen blutigen Terror besonders gegenüber der jüdischen Bevölkerung aus. Agnes und ihre Mutter konnten lange Zeit untertauchen, wurden aber einiges Tages auch aufgestöbert und in einem langen Zug - neben ihnen marschierte der vierzehnjährige Imre Kertész - zum Bahnhof zur Deportation getrieben…“ (fembio.org)

 

Sie entkamen im letzten Moment durch Aufspringen auf eine vorbeifahrende Tram. Auch einer zweiten Exekution am Donauufer entkam sie in letzter Sekunde. Jahrelang litt Ágnes Heller unter schweren Ängsten. Die grauen Wasserwirbel der Donau verfolgten sie, Donau und Todesangst verschmolzen zu einem einzigen Alptraum.

Nach dem Krieg studiert Heller Philosophie, wird Mitglied der Budapester Philosophenschule um Georg Lukács, gerät jedoch bald in Konflikt mit der kommunistischen Partei. Es folgen Bespitzelung, Berufsverbot und die Emigration nach Australien. Hier bekommt Heller ihre erste Professur und wird durch eine Vielzahl von Publikationen nach und nach auch international bekannt. 1984 erhält sie in direkter Nachfolge von Hannah Arendt eine Professur an der New Yorker New School for Social Research (New School University). 1981 wird sie mit dem Lessing-Preis der Stadt Hamburg ausgezeichnet, 1995 mit dem Hannah-Arendt-Preis der Stadt Bremen. Es folgen Gastprofessuren, Gastvorträge und viele Auszeichnungen.

 

Vom Marxismus und Kommunismus hatte sie sich schon längst abgewendet, wie auch jeder andere Ismus ihr suspekt geworden ist. Sie begründet jetzt ihre persönliche Philosophie, die Philosophie der Gefühle. Ausgangspunkt dieser philosophischen Richtung sind Bedürfnisse, Konflikte und Probleme des täglichen Lebens und die Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Moderne. Der Mensch im Mittelpunkt, der Mensch als Ausgangs- und Lösungsfaktor.

 

Begrifflichkeiten, Zeiten, Denkanstöße wirbeln durch den Raum und die LIFE LESSON hinterlässt mich beeindruckt wie atemlos. Es ist an der Zeit, ihre Bücher zu lesen.

 

Ágnes Heller: Eine kurze Geschichte meiner Philosophie. 2017

Georg Hauptfeldt: Der Wert des Zufalls. Ágnes Heller über ihr Leben und ihre Zeit. 2018