Darling Days

Mit sechs Jahren beschließt iO als Junge zu leben, nachdem ein paar Jungs sie nicht bei einem Footballspiel im Central Park mitmachen lassen – sie wollen keine Mädchen dabeihaben. „Ab heute heiße ich Ricky, Poppa“, sagt er zum Vater. Der reagiert unaufgeregt, akzeptiert… Er hatte ihm ja auch den nicht einem Geschlecht zuzuordnenden Namen iO (Jupitermond) verpasst. Mutter Rhonna hat ebenfalls keine Einwände. „Jungs haben Spaß, Mädchen haben alle möglichen Einschränkungen. Sie kapiert es.“ Die Eltern, die sich trennen als iO ungefähr ein Jahr alt ist, gehören zur Künstlerszene der Lower Eastside. Dort wundert sich niemand über ein Kind, das sich sein Geschlecht selber aussucht. Nan Goldin ist iOs Patentante. Eines der vielen Fotos in „Darling Days“ stammt von ihr. Es trägt den Titel „Portrait of The American Child, 1995“ und zeigt iO mit Camouflage-Klamotten und Tarnschminke in einem Geschäft. Das wehrhafte Outfit erscheint sinnvoll, denn die Gegend, in der er mit seiner Mutter lebt, ist hart. Boheme aber mit einem hohen Anteil an Drogen- und Gewaltmilieu. Künstler*innen, Freaks, Transen, Hells Angels und Obdachlose – die vertraute Welt von iO Tillett Wright.

Es ist kein gradliniger Lebensweg, der hier beschrieben wird. Ein Vor und ein Zurück…ein Tanz voller Schmerzen, eine Suche nach dem richtigen Leben in einem vermeintlich falschen. Die Sehnsucht nach Übereinstimmung von Innen und außen. Beide Schubladen Mädchen/Junge oder Mann/Frau sind viel zu binär gedacht, zu eng konzipiert, um das ganze Herz hinein zu packen.  

Ein Aufbruch, der berührt, wütend macht und dennoch Lust auf Leben, auf stetige Veränderung, auf Schönheit in sich birgt.

 

iO Tillett Wright

Darling Days

Mein Leben zwischen den Geschlechtern

Suhrkamp Nova 2017

 

ISBN 9783518 468036