...wer nicht fragt bleibt dumm von Doreen Trittel

Fragen. Ich liebe Fragen, auch wenn sie mich mitunter sprachlos machen oder für mich eine zunächst scheinbar unbezwingbare Herausforderung darstellen. Ich spiele gern mit Fragen, auf die es oft keine eindeutigen Antworten gibt. Denn die Wahrheit ist vielfältig. So nutze ich den heutigen Moment für ein paar Fragen, wohlwissend dass die Antworten morgen vielleicht schon etwas oder ganz anders ausfallen würden.

Was hast du heute zerstört? Das ist eine gute Frage. Denn oft zerstöre ich im ersten Schritt, um daraus etwas neues zu schaffen. Damit starte ich in den Prozess der Veränderung. Aber heute waren es tatsächlich Notizzettel, die mich durch die Vorbereitung der letzten Ausstellung geführt haben, und die ich nun nicht mehr brauche. Ich zerreiße sie, bevor ich sie in den Papiermüll schmeiße.

Wenn Du irgendeinen Künstler engagieren könntest, um ein Porträt von dir zu machen, wer wäre es? Es gibt viele großartige Künstlerinnen, deren Mut und Vielfalt ich bewundere. Spontan würde ich Annie Leibovitz wählen. Ihre autobiografischen Fotografien in der Ausstellung „Annie Leibovitz – A Photographer’s Life . 1990 – 2005“ im Jahre 2009 im C|O Berlin haben mich damals sehr berührt und klingen immer noch nach. Ich wäre aber auch neugierig auf die Umsetzung der ‚Meisterin der Textbotschaften‘ Jenny Holzer oder auf ein Gemälde von Cornelia Schleime.

Dein Erfolgsrezept für Kreativität? Tun! Das klingt so einfach, kann aber auch sehr schwer sein. Viele Jahre hatte ich unzählige Ideen in mir. Aber ich wusste nicht, wo ich den roten Faden aufnehmen sollte und stand starr bzw. zaghaft wie ein Kaninchen vor der Schlange, bis ich innerlich das Gefühl hatte, ich platze. Dann habe ich begonnen, den ersten Schritt zu machen. Seitdem sind aus vielen kleinen Schritten rückblickend große Schritte geworden.

Können Menschen sich ändern? Von Veränderungen in Richtung eines ‚Optimierungswahns‘ halte ich nichts. Aber ich halte sehr viel davon, sich auf den Weg zu machen, um sich selbst zu entdecken. Es beginnt damit, sich selbst und unsere Welt offen und mutig zu hinterfragen. Dies ist ein immer währender Prozess, der nie aufhört, aber der uns enorm wachsen lässt.

Wohin gehst du, um gute Ideen zu bekommen? Meine Materialiensammlung ist ein wahrer Pool an Ideen. Aber oft ergeben sie sich, ohne dass ich danach suche. Dann kann es auch passieren, dass Ideen Jahre in mir warten oder manchmal auch gar nicht umgesetzt werden. Wenn ich konkret mit einer Idee nicht weiterkomme, wechsle ich den Ort, gehe spazieren oder ins Café. Für meine Installation mit der Patchworkdecke „Opfer-Täter und Täter-Opfer“ brachte mich ein Gespräch mit einer Freundin auf eine alte Idee, die ich damit neu interpretiert habe.

Nenne einen Gegenstand, den du nicht wegwerfen kannst. Oh, ich fürchte, da gibt es viele Gegenstände. In meiner Kunst verarbeite ich alte Materialien mit Erinnerungen. Davon habe ich so manches Stück und weiß mitunter nicht mehr, wohin. Aber ich habe auch Phasen in denen ich sehr gut loslassen kann. Dann stapeln sich Beutel zum verschenken, verkaufen und wegschmeißen vor meiner Tür.

Du bezeichnest dich als ‚Stasikind‘. Warum widmest du einen Großteil deiner Arbeiten der ostdeutschen Vergangenheit, die ja in diesem Jahr schon 28 Jahre zurückliegt? Viele Jahre war ich auf der Suche, ohne zu wissen wonach. Ein wichtiger Meilenstein auf meinem Weg war das Buch „Stasi-Kinder: Aufwachsen im Überwachungsstaat“ von Ruth Hoffmann. Die Autorin sprach mit Menschen, deren Eltern oder ein Elternteil als hauptamtliche Mitarbeiter beim Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) gearbeitet haben. Mein Vater war dort auch beschäftigt. Insofern war dieses Buch eine Offenbarung für mich. In vielem erkannte ich eigene Erinnerungen wieder, und es brachte mich zu der klärenden Erkenntnis: Ja, ich bin Ostdeutsche und ja, ich bin ein Stasikind. Die Tätigkeit meines Vaters und auch das System der DDR haben meine Kindheit, haben mich geprägt. Ich war sechzehn Jahre alt, als die Mauer fiel. Der Austausch mit anderen, bestärkt mich immer wieder, in und mit meiner Kunst von meinen individuellen Erfahrungen und Sichtweisen zu erzählen. Dabei erkenne ich auch immer wieder Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen.

Woran arbeitest du gerade? Momentan mache ich eine kleine Pause. In den letzten Monaten habe ich intensiv an meiner Installation für die Ausstellung im ehemaligen Frauengefängnis gearbeitet. Aber ich habe schon eine Idee aus dem vergangenen Jahr im Kopf, die ich als nächstes gern umsetzen möchte. Denn ich brauche auch eine Pause von der Auseinandersetzung mit meiner ostdeutschen Prägung. Ich möchte mich thematisch wieder den drei Lebensphasen einer Frau zuwenden, der weißen, der roten und der schwarzen. (Wir finden sie im Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“ aber auch in einem Bild von Gustav Klimt.) Hieran habe ich bereits im vergangenen Jahr gearbeitet. In diesem Wandel steckt für mich viel Kraft. Ich möchte mich dem in einer bereits begonnen und in einer neuen Installation intensiver widmen.

Von welcher Musik bist du derzeit geradezu besessen? Ich habe noch die Musik von unserer Ausstellung im ehemaligen Frauengefängnis Lichterfelde, in Berlin Steglitz, im Ohr. Es waren ganz besondere Momente, als die Stimmen der Künstlerin Angélique Préau, des Bariton Jeremy M. Osborne und der Mitglieder vom Chor des Hofmeisterprojekts erklangen und den Ort mit lichtvoller Lebensenergie erfüllten. Ansonsten begeistert mich gerade die Musik von Benjamin Clementine von seinem Album „At Least For Now“. Parallel dazu höre ich das Lied „One Day“ von Aas Aidan derzeit rauf und runter. Das geht unter die Haut.

Was liest du zurzeit? Ich lese einige Bücher parallel. Aber aktuell bin ich bei dem Buch „Wie war das für Euch? die Dritte Generation Ost im Gespräch mit ihren Eltern“ von Judith C. Enders, Mandy Schulze und Bianca Ely (Hg.). Als nächstes freue ich mich schon auf „Eva“ von Marianne Fredriksson.

Welche Frage stellst du anderen am liebsten und warum? Wie geht es dir? Das ‚Warum?‘ liegt in der Antwort. Schau doch mal, wie du mir darauf antworten würdest…

Doreen Trittel ist Künstlerin und setzt sich in Installationen, Collagen und Fotografien mit Erinnerungen auseinander. Dabei fasziniert sie der Veränderungsprozess von der Vergangenheit über die Gegenwart hin zur Zukunft. http://www.hehocra.de / @hehocra